Die Wirkweise von Systemaufstellungen: Eine multidisziplinäre Analyse
Einführung
Systemaufstellungen – sei es als Familienaufstellung nach Bert Hellinger oder als systemische Strukturaufstellung in Organisationen – haben sich seit den 1990er Jahren zu einem weltweit verbreiteten Phänomen entwickelt. Die zentrale Frage nach ihrer Wirkweise lässt sich nicht mit einer einfachen Antwort fassen, da verschiedene Disziplinen hierzu höchst unterschiedliche Erklärungsmodelle anbieten. Diese Analyse beleuchtet das Thema aus psychologischer, neurobiologischer, sozialwissenschaftlicher und kritisch-wissenschaftlicher Perspektive.
1. Psychologische Perspektive: Systemische Dynamiken und repräsentative Wahrnehmung
Aus psychotherapeutischer Sicht basiert die Wirkung von Aufstellungen auf dem Konzept der systemischen Verbundenheit. Bert Hellinger postulierte ein „Systemgewissen“ oder „Sippengewissen“, das über die individuelle Psyche hinaus wirkt und darauf achtet, dass Personen, die zu einem Familiensystem gehören, nicht vergessen oder ausgeschlossen werden. Verstöße gegen diese natürliche Ordnung – etwa das Ausklammern eines Familienmitglieds – führen demnach zu unbewussten Verstrickungen, die sich über Generationen hinweg als Krankheiten oder Verhaltensmuster manifestieren können.
Das zentrale psychologische Phänomen ist die „repräsentative Wahrnehmung“ : Stellvertreter nehmen über einen Zeitraum von Stille und Konzentration Emotionen und Körperempfindungen wahr, die für die Person stehen, die sie repräsentieren, ohne dass sie diese Person näher kennen. Diese Wahrnehmungen werden von Praktikern als Zugang zu einem „wissenden Feld“ interpretiert. Der Psychotherapeut Iván Böszörményi-Nagy prägte hierfür den Begriff der „unsichtbaren Loyalitäten“ – der unbewussten Bindung an Familienmitglieder, die zu problematischen Verhaltenswiederholungen führen kann.
Praktische Anwendung: Im organisationalen Kontext können Aufstellungen verdeckte Dynamiken sichtbar machen. In einem beschriebenen Fall zeigte sich, dass Vertriebsmitarbeiter ihre Aufmerksamkeit auf Kunden richteten, während die Führungskraft auf das Geschäftspotential blickte – eine unentdeckte mangelnde Synchronisation, die Prozesse blockierte.
2. Neurobiologische und kognitionswissenschaftliche Perspektive
Die moderne Neurowissenschaft bietet alternative Erklärungen für die beobachteten Phänomene. Der Wirkmechanismus lässt sich hier primär auf Spiegelneuronensysteme und embodied cognition (verkörperte Kognition) zurückführen. Demnach sind Menschen in der Lage, feinste nonverbale Signale, Körperhaltungen und emotionale Zustände anderer intuitiv zu erfassen und in ihrem eigenen Körper nachzuempfinden.
Das „Fühl-als-Information“-Prinzip: Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass subjektive Gefühle, Stimmungen und Körperempfindungen als Quelle objektiver Information für Entscheidungsprozesse genutzt werden können. Die Aufstellung nutzt diesen Mechanismus systematisch: Stellvertreter werden angewiesen, auf ihre körperlichen Reaktionen zu achten – Gefühle von Enge oder Weite, Anziehung oder Abstoßung – und diese als Information über die Qualität der Beziehung zwischen den repräsentierten Elementen zu interpretieren.
Aus dieser Perspektive ist die Wirkung der Aufstellung keine metaphysische, sondern eine kognitiv-emotionale Neuverarbeitung: Die räumliche Visualisierung des Problems aktiviert andere neuronale Netzwerke als die rein verbale Analyse und ermöglicht so neue Einsichten und Lösungswege.
3. Sozialwissenschaftliche Perspektive: Das „wissende Feld“ zwischen Mystik und Methodik
Die in der Aufstellungsliteratur vielfach beschriebene Verbindung zu einem „morphischen Feld“ oder einer „Weltenseele“ wird von der Wissenschaft überwiegend als pseudowissenschaftlich abgelehnt. Der Biologe Rupert Sheldrake, dessen Konzept der morphischen Resonanz von Hellinger zur Erklärung herangezogen wurde, gilt in der mainstream-Wissenschaft als Außenseiter. Die Wissenschaft entdeckt jedoch immer neue Zusammenhänge und bis sich die Erkenntnisse durchsetzen dauert..
Die sozialwissenschaftliche Erklärung fokussiert auf ein anderes Phänomen: das der impliziten Wissensmuster. Systemische Strukturaufstellungen können laut aktueller Forschung verborgene Dynamiken und unbewusste Informationsmuster aufdecken, die in Organisationen und sozialen Systemen wirken. Die Methode wird zunehmend als ernstzunehmendes Instrument der qualitativen Sozialforschung diskutiert, etwa zur Visualisierung von Nachhaltigkeitstransitionen.
Praktisches Beispiel aus der Forschung: In einer Studie zur Nachhaltigkeitstransition in Deutschland und Portugal konnten durch systemische Aufstellungen spezifische Dynamiken sichtbar gemacht werden, etwa die Diskrepanz zwischen starker Nachhaltigkeitsnarrative und tatsächlichem Handeln. Die Forscher betonen jedoch, dass eine fundierte Ausbildung der Moderatoren und klare ethische Richtlinien Voraussetzung für eine positive Anwendung sind.
4. Kritische Perspektive: Suggestion, Placebo und Autoritarismus
Die schärfste Kritik kommt aus der klinischen Psychologie und der skeptischen Wissenschaft. Colin Goldner, klinischer Psychologe, bezeichnet Hellingers Methode als „Laienspielinszenierung mit projektiver Übernahme stereotyper Rolleninhalte“ . Die Wirkung der Aufstellungen wird hier auf drei konventionelle Mechanismen zurückgeführt:
- Suggestion: Der autoritäre Therapeut – Hellinger wurde vielfach für seinen inszenierten, priesterhaften Stil kritisiert – suggeriert durch seine Anweisungen und Interpretationen bestimmte Wahrnehmungen und Lösungen.
- Empathie und Projektion: Die Stellvertreter projizieren ihre eigenen ungelösten Konflikte und Emotionen in die ihnen zugewiesene Rolle, was nichts über die tatsächliche Familiendynamik aussagt.
- Placebo-Effekt: Allein die subjektive Überzeugung, dass die Methode wirkt, kann positive Veränderungen bewirken.
Besonders problematisch ist nach Ansicht der Kritiker das autoritäre Weltbild, das Hellingers Konzepten zugrunde liegt: Die „natürliche Ordnung“ sei hierarchisch – der Mann habe Vorrang vor der Frau, das erstgeborene Kind vor dem nachgeborenen. Diese Vorstellung wird als „erzreaktionär“ kritisiert und steht im Widerspruch zu modernen, egalitären Gesellschaftsmodellen.
Dokumentierte Risiken: In einem tragischen Fall aus Leipzig nahm sich eine Mutter nach einer Familienaufstellung mit Hellinger das Leben. Hellinger hatte sie als „kaltes Herz“ bezeichnet und ihrem Ex-Mann die Liebe zugesprochen. Hellinger kommentierte dies mit dem Hinweis, dass jede Therapie Risiken beinhalte.
5. Integrative Perspektive: Widersprüche und offene Fragen
Trotz der massiven Kritik ist die Verbreitung der Methode unbestreitbar. In einigen europäischen Ländern ist die Systemaufstellung sogar Teil des öffentlichen Gesundheitssystems. Die Forschungslage ist jedoch dünn: Es gibt nur wenige prospektive, peer-reviewte Studien. Diese berichten von positiven Effekten auf allgemeine Psychopathologie, dermatologische Symptome und Lebensqualität, doch sind methodisch robuste Langzeitstudien mit aktiver Kontrollgruppe dringend erforderlich.
Mögliche Synthese: Die unterschiedlichen Perspektiven müssen nicht zwingend im Widerspruch stehen. Die Wirksamkeit einer Methode ist nicht zwingend an die Richtigkeit ihrer theoretischen Selbstbegründung gebunden. Es ist möglich, dass
- die räumliche Aufstellung kognitive Dissonanz reduziert und neue Perspektiven ermöglicht,
- die nonverbale Interaktion unbewusste Beziehungsmuster aktiviert,
- das rituelle Setting und die Gruppendynamik therapeutische Prozesse anstößt,
ohne dass dafür ein metaphysisches „wissendes Feld“ oder ein „Systemgewissen“ existieren muss.
Fazit
Die Frage „Warum wirkt eine Aufstellung?“ lässt sich nicht abschließend beantworten, weil die Antwort von der gewählten epistemologischen Perspektive abhängt:
| Perspektive | Wirkmechanismus | Wissenschaftlicher Status |
|---|---|---|
| Systemische Psychologie | Systemgewissen, unsichtbare Loyalitäten | Theoretisches Konstrukt, empirisch schwer fassbar |
| Neurobiologie | Spiegelneuronen, embodied cognition | Plausibel, aber nicht spezifisch für Aufstellungen |
| Kritische Psychologie | Suggestion, Placebo, Projektion | Gut belegt, erklärt aber nicht alles |
| Sozialwissenschaft | Visualisierung impliziten Wissens | Methodisch vielversprechend, aber jung |
Die Evidenzlage ist unzureichend für definitive Aussagen. Wer die Methode anwendet, sollte sich der Kontroversen bewusst sein und insbesondere vor den von Kritikern dokumentierten Risiken – unqualifizierte Anwender, fehlende Qualitätsstandards, autoritäre Dynamiken – warnen.
Referenzen
- Chipman-Steinwartz, N. (2011). Systemic Constellation as a Supportive Tool for Dealing with Change. ROM Global.
- Goldner, C. (2010). Familienaufstellung nach Hellinger: Wenn Ahnen krank machen. Süddeutsche Zeitung.
- Arnold, MG & Fischer, A. (2018). Systemic structural constellations in academia facilitating transformation processes towards sustainability. Journal of Contemporary Management, 15, 139-170.
- Wikipedia. Systemic Constellations.
- Károli Gáspár University. (2017). The Psychosocial Effects of Systemic / Family Constellation (Clinical Trial NCT03233958).
- Wenninger, G. (2013). Familien-Stellen nach Hellinger. Spektrum Lexikon der Psychologie.
- Disterheft, A., Pijetlovic, D. & Müller-Christ, G. (2021). Systemic Exploratory Constellations. Sustainability, 13(9).
- Wikipedia (Archiv). Systemic Constellations – Procedure.
- (2015). The Principle of Feeling – Structural Systemic Constellations for Technical Problem Solving. Procedia Engineering, 131, 204-213.
- (2018). „Die Frau ist dem Mann untergeordnet“. St. Galler Tagblatt.
Welche Art von Aufstellung ist die richtige?
Familienaufstellung Nürnberg / Fürth – Klarheit, Ordnung, innere Freiheit
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