Die Vergangenheit nicht ignorieren

Warum Familienaufstellung, „Systemische Aufstellung“, „Systemisches Stellen“, „Familienstellen“, „Aufstellung“, „Systemische Aufstellung„, „Aufstellungen„, „Strukturaufstellung„, „Organisationsaufstellung„, „Aufstellung nach Hellinger“ zur Aufarbeitung der Vergangenheit unserer Familien so wichtig ist. Oft vergessen wir, dass wir eine Menschheitsfamilie sind, dass wir alle zusammengehören, mit unseren Freuden, mit unseren Errungenschaften, aber auch mit den düsteren Taten der Vergangenheit. Unrecht lastet auf der Gesellschaft und Einzelne tragen eine besondere Last die aus der Vergangenheit herrührt.

Friedrich Nietzsche schrieb in seinem Buch Vom Nutzen und
Nachteil der Historie für das Leben: »Denn da wir nun einmal
die Resultate früherer Geschlechter sind, sind wir auch die
Resultate ihrer Verirrungen, Leidenschaften und Irrtümer, ja
Verbrechen; es ist nicht möglich, sich ganz von dieser Kette zu
lösen. Wenn wir jene Verirrungen verurteilen und uns ihrer für
enthoben erachten, so ist die Tatsache nicht beseitigt, dass wir
aus ihnen herstammen.«

Dieses Buch ist im Jahr 1874 erschienen. Nietzsche starb im
Jahr 1900, 33 Jahre bevor die Nazis an die Macht kamen. Als er
diese Zeilen schrieb, wusste er nicht, was kommen wird. Aber
was es für ein Fehler wäre, die Vergangenheit zu ignorieren
oder abhaken zu wollen, das hatte dieser große Philosoph
begriffen. Quelle siehe nachfolgend.

Die vererbten Traumata des Krieges – und warum das Schweigen in den Familien jetzt aufbricht

Stephan Lebert – Louis Lewitan
in
Der blinde Fleck – Die vererbten Traumata des Krieges und warum das Schweigen in den Familien jetzt aufbricht. Seite 74

Online Aufstellungen mit Holger Kiefer – Termine

Warum die Vergangenheit auch ihre Generation (Joëlle Lewitan, Jahrgang 1999) nicht loslässt

Sie ist die Tochter von Louis Lewitan, dem klinischen Psychologen, Coach und Publizisten, Forscher und Executive Director der »Jerome Riker International Study of Organized Persecution of Children« in New
York. Schwerpunkt der Stiftung war die Erforschung der Spätfolgen der Schoah bei Kinder-Überlebenden und deren Nachkommen.
Die internationalen Forschungsergebnisse trugen zum Verständnis von Resilienz bei Überlebenden und deren Nachkommen bei. Heute sind Louis Lewitans psychologische Kompetenz und Erfahrung als Coach und Berater in der Politik, Wirtschaft und Kultur gefragt.


Warum die Vergangenheit uns nicht loslässt – ein Essay über Generationen, Schweigen und systemische Verstrickungen

Wir, die heute zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt sind, wachsen in einer Welt auf, die sich schnell verändert – und doch tragen wir etwas mit uns, das sich kaum verändert hat: die Geschichten unserer Familien. Oder genauer gesagt: die Leerstellen darin.

Viele aus meiner Generation kennen dieses Gefühl. Man weiß „zu wenig und spürt zu viel“. Man ahnt, dass in der eigenen Familiengeschichte etwas Unausgesprochenes liegt – ein Schatten, ein Schmerz, ein Geheimnis. Im Text, aus dem dieser Essay hervorgeht, beschreibt die Autorin dieses Gefühl als ein diffuses „Da ist irgendwas“. Genau dieses „Irgendwas“ ist der Stoff, aus dem systemische Arbeit entsteht.

Das Schweigen der Generationen – und seine Wirkung auf uns

In vielen Familien wurde jahrzehntelang geschwiegen. Über Kriegserfahrungen. Über Schuld. Über Verlust. Über Traumata.
Dieses Schweigen ist nicht neutral. Es wirkt weiter – in den Körpern, in den Beziehungen, in den Mustern der Nachgeborenen.

Die Autorin beschreibt, wie ihre Großeltern, Überlebende der Schoah, schwiegen. Wie ihre Eltern dieses Schweigen fortsetzten. Und wie sie selbst spürte, dass dieses Schweigen nicht einfach ein „Nicht-Erzählen“ war, sondern eine unsichtbare Kraft, die die Familie prägte.

Genau hier berührt der Text die Essenz systemischer Arbeit:
Was nicht ausgesprochen wird, verschwindet nicht. Es wandert. Es sucht sich Wege. Es lebt weiter in den nächsten Generationen.

Transgenerationale Weitergabe – ein systemisches Grundprinzip

In der systemischen Sichtweise ist die Vergangenheit nicht abgeschlossen. Sie wirkt fort, solange sie nicht gesehen, benannt und eingeordnet wurde.
Das gilt für individuelle Familien ebenso wie für ganze Gesellschaften.

Die Autorin beschreibt, wie sie sich – trotz zeitlicher Distanz – zutiefst mit der Geschichte ihrer Großeltern verbunden fühlt. Sie spricht von Wut, Trauer, Stolz. Von einem Erbe, das sie nicht gewählt hat und das sie dennoch trägt.

Systemisch betrachtet ist das kein Zufall.
Bindung über Generationen hinweg ist stärker als Zeit.

Die junge Generation – und die Last der Erwartungen

Interessant ist, dass die Autorin nicht nur von ihrer eigenen Familiengeschichte spricht, sondern auch von den Erwartungen, die die Gesellschaft an ihre Generation richtet.
Junge Menschen würden sich angeblich nicht mehr für Geschichte interessieren. Doch Studien zeigen das Gegenteil:
Viele spüren eine tiefe Neugier, ein Bedürfnis, die eigene Herkunft zu verstehen.

Warum?
Weil die Vergangenheit uns ruft, wenn sie ungeklärt ist.

Und weil jede Generation – bewusst oder unbewusst – versucht, das zu lösen, was die vorherigen nicht lösen konnten.

Wenn Erinnerung ritualisiert wird – und warum das nicht reicht

Die Autorin kritisiert, dass die gesellschaftliche Erinnerungskultur oft ritualisiert und statisch wirkt.
Immer gleiche Reden, immer gleiche Zitate, immer gleiche Formen.

Doch Rituale allein heilen nicht.
Heilung entsteht dort, wo Menschen wirklich hinschauen, fragen, fühlen, verstehen.

Genau das tut systemische Arbeit:
Sie schafft Räume, in denen das Unsichtbare sichtbar werden darf.
In denen das Schweigen eine Stimme bekommt.
In denen die Vergangenheit nicht länger Last ist, sondern Kontext.

Warum die Vergangenheit ihre Generation nicht loslässt

Aus dem Text heraus lassen sich mehrere Gründe erkennen:

  • Familiäre Leerstellen erzeugen Fragen, die nach Antworten verlangen.
  • Schweigen wirkt weiter – und fordert die Nachgeborenen heraus, es zu brechen.
  • Transgenerationale Bindungen machen das Erbe der Vorfahren emotional spürbar.
  • Gesellschaftliche Projektionen drängen junge Menschen in Rollen, die sie nicht gewählt haben.
  • Ein echtes Interesse an der eigenen Herkunft wächst, gerade weil die Distanz größer wird.
  • Ritualisierte Erinnerung erreicht junge Menschen nicht – sie suchen neue Wege.

All das führt dazu, dass die Vergangenheit nicht vergeht, sondern in uns weiterlebt, bis wir sie anschauen.

Systemische Arbeit als Antwort

Familienaufstellungen und systemische Prozesse bieten genau das, was die Autorin beschreibt, ohne es so zu nennen:

  • Räume für das Unsagbare
  • Sichtbarkeit für das Verdrängte
  • Würdigung für das Leid
  • Entlastung für die Nachgeborenen
  • Klarheit über das eigene Erbe
  • Freiheit, den eigenen Weg zu gehen

Systemische Arbeit ist kein Blick zurück – sie ist ein Blick nach innen.
Und sie zeigt:
Wir tragen die Vergangenheit nicht, um sie zu wiederholen, sondern um sie zu verwandeln.


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Warum Aufstellungsarbeit unter diesem Gesichtspunkt so hilfreich ist – für den Einzelnen und für die Gesellschaft

Wenn wir den Blick auf die junge Generation richten, wie sie im Text beschrieben wird, wird eines deutlich:
Die Vergangenheit ist nicht vorbei. Sie lebt in uns weiter – in Form von Gefühlen, die wir nicht einordnen können, in Familiengeschichten, die unvollständig sind, und in gesellschaftlichen Erwartungen, die uns prägen, ohne dass wir sie bewusst gewählt haben.

Genau hier setzt die Aufstellungsarbeit an.

1. Aufstellungsarbeit hilft dem Einzelnen, das Unsichtbare sichtbar zu machen

Die Autorin beschreibt ein Gefühl, das viele kennen:
„Da ist irgendwas.“
Ein diffuses Spüren, ein innerer Druck, ein emotionales Erbe, das nicht greifbar ist.

Systemische Aufstellungen schaffen einen Raum, in dem dieses „Irgendwas“ Form bekommt:

  • Unausgesprochene Familiengeschichten werden sichtbar.
  • Verdrängte Gefühle bekommen einen Platz.
  • Transgenerationale Bindungen werden erkennbar.
  • Das Schweigen früherer Generationen verliert seine Macht.

Für den Einzelnen bedeutet das:
Klarheit, Entlastung, Zugehörigkeit und die Freiheit, die eigene Geschichte neu zu schreiben.

Viele junge Menschen tragen Lasten, die nicht ihre eigenen sind.
Aufstellungsarbeit hilft ihnen, diese Lasten zurückzugeben – respektvoll, würdigend, ohne Schuldzuweisung.

2. Aufstellungsarbeit stärkt die Fähigkeit, die eigene Identität zu verstehen

Die Autorin beschreibt ihre Identität als deutsche Jüdin mit den Worten:
„Es ist kompliziert.“

Systemisch betrachtet ist Identität immer ein Geflecht aus:

  • Herkunft
  • Bindung
  • Loyalität
  • Trauma
  • Liebe
  • Schweigen
  • Erwartungen

Aufstellungen ermöglichen es, diese Ebenen zu sortieren.
Sie zeigen, was wirklich zu mir gehört – und was ich übernommen habe, um jemandem treu zu bleiben, den ich nie kennengelernt habe.

Das ist nicht nur psychologisch wertvoll, sondern zutiefst befreiend.

3. Aufstellungsarbeit wirkt gesellschaftlich – weil sie Muster sichtbar macht

Der Text zeigt eindrücklich, wie sehr gesellschaftliche Narrative auf die junge Generation projiziert werden:

  • „Ihr interessiert euch nicht mehr für Geschichte.“
  • „Ihr wollt einen Schlussstrich ziehen.“
  • „Ihr seid geschichtsvergessen.“

Doch die Studien zeigen das Gegenteil.
Die junge Generation ist interessiert – nur anders.

Aufstellungsarbeit kann hier eine Brücke schlagen:

  • Sie zeigt, wie kollektive Traumata weiterwirken.
  • Sie macht sichtbar, wie Schuld, Scham und Abwehr über Generationen weitergegeben werden.
  • Sie hilft zu verstehen, warum bestimmte gesellschaftliche Debatten so emotional geführt werden.
  • Sie ermöglicht neue Formen des Erinnerns, die nicht ritualisiert, sondern lebendig sind.

Eine Gesellschaft, die ihre eigenen Muster erkennt, kann sich verändern.
Eine Gesellschaft, die ihre Verstrickungen sieht, kann heilen.

4. Aufstellungsarbeit schafft Räume, in denen echte Begegnung möglich wird

Die Autorin beschreibt Situationen, in denen Menschen ihr ungefragt erzählen, dass ihre Vorfahren Nazis waren – in der Hoffnung auf Entlastung.
Das zeigt, wie tief die Vergangenheit noch in uns wirkt.

Aufstellungsarbeit bietet einen anderen Weg:

  • nicht Entlastung durch die Nachgeborenen
  • sondern Verantwortung durch Bewusstwerdung
  • nicht Schuldzuweisung
  • sondern Würdigung der Realität
  • nicht Abwehr
  • sondern Kontakt

In Aufstellungen entsteht ein Raum, in dem Menschen einander nicht als Vertreter einer Gruppe begegnen, sondern als Menschen mit Geschichten, Bindungen und Verletzungen.

Das ist gesellschaftlich revolutionär.

5. Aufstellungsarbeit ermöglicht Zukunft

Die Autorin nennt ihre Generation „Generation Zukunft“.
Doch Zukunft entsteht nur dort, wo Vergangenheit integriert ist.

Aufstellungsarbeit tut genau das:

  • Sie verbindet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
  • Sie löst Verstrickungen, die uns unbewusst steuern.
  • Sie schafft innere Ordnung, die äußere Klarheit ermöglicht.
  • Sie macht frei für neue Wege – individuell und kollektiv.

Eine Gesellschaft, die ihre Vergangenheit nicht verdrängt, sondern integriert, ist eine Gesellschaft, die handlungsfähig bleibt.


Kurz gesagt

Aufstellungsarbeit ist unter diesem Gesichtspunkt so wertvoll, weil sie:

  • das Unsichtbare sichtbar macht
  • das Schweigen der Generationen durchbricht
  • transgenerationale Muster löst
  • Identität stärkt
  • gesellschaftliche Projektionen entlarvt
  • neue Formen des Erinnerns ermöglicht
  • Zukunft eröffnet

Sie ist kein Rückblick, sondern ein Durchblick.
Und sie zeigt:
Wir sind nicht nur Erben der Vergangenheit – wir sind Gestalter der Zukunft.


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